UX Design & Research · NDA · Enterprise MES · 1 Designer - 3 Devs - 1 PO · 2 Jahre

Werkerassistenz für die Endmontage — lesbar auf Distanz, bedienbar mit Handschuh.

Ein Assistenzsystem für die Automobil-Endmontage: ein hoch montierter Produktionsmonitor, ein Handgerät (PDA) für Prüf- und Sonderschritte, ein Konfigurationsdialog für die Parametrierung und ein Dashboard zur Kontrolle. Diese Case Study zeigt den Produktionsmonitor als Kern — und die drei angrenzenden Bausteine im Überblick.

Werker → Randbedingung → System → Interaktion → Ergebnis
Case Study

Der grundsätzliche Auftrag war „die Daten auf einen Monitor bringen". Das eigentliche Problem war physisch — und größer als ein Bildschirm.

Montagemitarbeiter brauchen die richtige Bauinformation auf einen Blick, während sie im Takt arbeiten — in einer lauten Halle, oft mit Handschuhen, vor einem hoch montierten Monitor. Doch der Monitor ist nur ein Teil: Prüf- und Sonderschritte laufen über ein Handgerät (PDA), die Inhalte je Station werden vorab in einem Konfigurationsdialog parametriert, und ein Dashboard gibt den Parametrierenden Überblick und Kontrolle. Diese Case Study behandelt den Produktionsmonitor im Detail und die drei weiteren Bausteine kompakt.

Rolle
UX Generalist, Konzeption, UI-Design und Developer Handoff
Zeitraum
Projektbetreuung 2024–2026 · Gesamtlaufzeit 2023–2026
Kontext
Globaler Automobil-OEM, über ein Industriesoftware-Studio
Ergebnis
Produktionsmonitor · PDA · Parametrierung · Dashboard
Die Herausforderung

Auf drei Meter lesbar, mit Handschuh bedienbar — und für zwei sehr verschiedene Nutzer.

Der Monitor hängt hoch, damit alle ihn sehen — erreichbar ist damit nur die untere Hälfte, gerade für kleinere Mitarbeiter. Gelesen wird aus 1–3 m, oft mit Handschuhen, im lauten Hallenbetrieb.

Und: Es darf nichts weggescrollt oder umgeblättert werden — nicht aus Platzgründen, sondern weil die Werke es ausdrücklich so wollen. Wer im Takt am Band steht, soll seine Arbeit nicht unterbrechen, um am Monitor zu navigieren. Alles Wichtige muss auf einen Blick da sein.

„Die Standardschritte mache ich im Schlaf. Ich muss nur sofort sehen, wenn mal etwas anders ist."
— Proto-Persona „erfahrener Werker" · illustrativ
Zwei Nutzer, ein Bildschirm

Ein erfahrener Mitarbeiter kennt seine Handgriffe auswendig und erledigt sie fast blind. Für ihn muss der Monitor nicht die Routine zeigen, sondern die Ausnahme — Abweichung, Spezialfall, Sonderausstattung — sofort und eindeutig erkennbar. Zugleich muss derselbe Monitor neue Mitarbeiter und Werkstudenten Schritt für Schritt sicher durch den Ablauf führen. Die Routine tritt zurück, die Ausnahme springt hervor.

„Ich bin noch unsicher — ich brauche jeden Schritt klar und in der richtigen Reihenfolge."
— Proto-Persona „neuer Mitarbeiter / Werkstudent" · illustrativ
Grundsatz

Führen, wo es zählt — Freiheit, wo es geht: Standard ist informieren und orientieren. Verbindlich führt das System nur bei Takt, Qualität oder Sicherheit — etwa einem offenen Prüfschritt oder einem drohenden Bandstopp. In freier Arbeit bleibt die Entscheidung beim Mitarbeiter.

Reframe · priorisierte How-Might-We
  1. PRIO 1 · KERN
    Wie zeigen wir Bauinformationen auf einen Blick erfassbar, auf 1–3 m lesbar und mit Handschuh bedienbar — ohne den Takt zu unterbrechen?
  2. PRIO 2 · ZWEI NUTZERGRUPPEN
    Wie lassen wir die Routine zurücktreten und die Ausnahme hervorspringen — für erfahrene Werker wie für neue Mitarbeiter am selben Bildschirm?
  3. PRIO 3 · FÜHREN VS. FREIHEIT
    Wie führen wir verbindlich, wo Qualität und Sicherheit es verlangen — und überlassen sonst die Entscheidung dem Mitarbeiter?
Hauptteil · Produktionsmonitor · Vorgehen

Vom physischen Umfeld zu harten, testbaren Randbedingungen.

01

Verstehen

Contextual Inquiry an der Linie: Montagehöhe, Greifraum, Handschuheinsatz, Lärm, Betrachtungsabstand und die Spannbreite an Alter, Körpergröße und Erfahrung der Belegschaft.

02

Eingrenzen

Das Umfeld in harte Design-Randbedingungen übersetzen: bedienbarer Bereich, kein Scrollen, Lesbarkeit auf Distanz, keine erzwungenen Aktionen.

03

System anpassen

Eine Material-basierte Komponentenbibliothek für Distanz und Handschuhe umskalieren, statt bei null zu beginnen; das Layout für den bedienbaren Bereich und die Handgerät-Patterns definieren.

04

Prototyping

Eigenständige, testbare Single-File-Prototypen für beide Oberflächen; Struktur und Interaktionslogik validieren.

05

Härtetest

Prüfung gegen Lesbarkeit auf Distanz, Treffgenauigkeit mit Handschuh, Overflow-ohne-neuen-Platz und den Grundsatz „führen, wo es zählt".

06

Übergabe an die Entwicklung

Das angepasste Komponentenset, das Layout „bedienbarer Bereich" und das Handgerät-Interaktionspattern für die Entwicklung dokumentieren.

Erkenntnisse

Vier Randbedingungen von der Linie — jede mit einer Design-Antwort.

01

Erreichbar ist nur die untere Hälfte

Das Display sitzt über Kopfhöhe; der obere Teil ist sichtbar, aber nicht zuverlässig erreichbar.

→ Design-AntwortAlle Bedienelemente liegen in einem festen unteren bedienbaren Bereich; der obere Teil ist reine Anzeige.
02

Handschuhe und Lärm besiegen Präzision und Ton

Behandschuhte Finger verfehlen kleine Ziele; Wischen ist unzuverlässig; Ton geht in der Halle verloren.

→ Design-AntwortÜbergroße Tap-Ziele, kein Wischen, nur Tippen; jede Zustandsänderung wird visuell gezeigt, nie allein über Ton.
03

Der Platz ist fix — kein Scrollen, kein Seitenwechsel

Im Takt ist keine Zeit, alles was gebraucht wird, muss direkt sichtbar sein - auf einer Seite (Werksanforderung).

→ Design-AntwortFit-to-Viewport; Überschüssige Elemente werden nicht angezeigt, sondern als Zähler oder durch Verdichtung angedeutet – nie über Scrollbalken oder ein neues Panel.
04

Führen, wo es zählt — nicht bevormunden

Eine suggerierte automatische Konsequenz erzeugt an einer sicherheitsrelevanten Linie unsichere Verpflichtungen.

→ Design-AntwortStandard ist Informieren; verbindlich geführt wird nur bei Takt, Qualität oder Sicherheit — sonst entscheidet der Mitarbeiter.
Zentrale Entscheidungen

Was beibehalten, verworfen und etabliert wurde.

✓ Beibehalten
Unten verankerte Bedienleiste

Die wichtigsten Aktionen bleiben dauerhaft im unteren, zuverlässig erreichbaren Bereich verankert. Da im Produktionsumfeld primär die untere Displayhälfte sicher erreichbar ist, wird die Interaktion darauf ausgerichtet.

✕ Verworfen
Wischgesten am Handgerät

Wischgesten erwiesen sich insbesondere bei der Bedienung mit Arbeitshandschuhen als unzuverlässig. Sie wurden durch klar erkennbare, großflächige Tap-Ziele ersetzt.

✓ Etabliert
Skalierte Library-Komponenten

Bestehende Library-Komponenten wurden gezielt skaliert und an die Anforderungen der Produktionshalle angepasst – insbesondere hinsichtlich Touch-Flächen, Lesbarkeit und Bedienbarkeit unter erschwerten Bedingungen.

✕ Verworfen
Kachelanzeige auf dem PDA

Die visuell aufwendige Kacheldarstellung wurde zugunsten einer minimalistischen, textbasierten Darstellung verworfen. Auf dem kleinen Display steht die schnelle Erfassbarkeit relevanter Informationen im Vordergrund.

✕ Verworfen
Over-Design ohne funktionalen Mehrwert

Bewusst verzichtet wurde auf dekorative oder unnötig komplexe UI-Elemente. Statt moderner Gestaltung um ihrer selbst willen gilt das Prinzip: so einfach wie möglich, so viel wie nötig – mit Fokus auf eine Lösung, die unter den gegebenen technischen und operativen Bedingungen tatsächlich feasible und viable ist.

Weiterführend

Ausgewählte Deep Dives aus dem Projekt.

Jeder Deep Dive nimmt eine reale Design-Challenge auseinander — konkret, mit den Kompromissen, die sie erforderte.

Teil 2 · Handgerät (PDA)

Das Handgerät für Prüf- und Sonderschritte.

Nicht alles passiert am Monitor. Sicherheitsrelevantes Stempeln, Produktdaten-Erfassung per Scan und der Notbetrieb bei Geräteausfall laufen über ein Handgerät (PDA) — einhändig bedienbar, mit kurzen Schritten und eindeutigem Erfolg-/Fehler-Feedback.

  • Fokus statt Fülle: Das kleine Display zeigt nur Kennung und relevante Status-Icons — der Stationsname weicht dem Wesentlichen.
  • Sicheres Stempeln: offene Prüfumfänge gelb, Erfolg grün, Fehler rot — hier führt das System verbindlich (Sicherheit).
  • Kein stilles Abmelden: sichtbarer Countdown vor Auto-Logout, damit niemand unbemerkt abgemeldet wird.
  • Notbetrieb: fällt ein Gerät aus, „erlernt" ein Ersatzgerät die Station und zeigt dieselben Inhalte — kein Produktionsausfall.

Screens unter NDA · Beschreibung [proto] auf Basis der Projektdokumentation.

Teil 3 · Parametrierung (Konfigurationsdialog)

Ohne Parametrierung kein Monitor-Inhalt.

Was der Monitor je Station zeigt, wird vorab festgelegt: In einem Desktop-Konfigurationsdialog parametriert eine dafür vorgesehene Rolle beim Kunden (Parametrierer) Arbeitsplätze, Arbeitsvorgänge, Layouts und Prüfungen — entlang einer tiefen Hierarchie (Werk → Halle → Band → Station → Arbeitsplatz). Ein business-kritischer Enabler, der über die Linie entscheidet.

Teil 4 · Parametrier-Dashboard

Überblick und Kontrolle — ohne zu bewerten.

Zum Abschluss ein kurzer Blick auf das Dashboard für die Parametrierenden: „Was habe ich parametriert? Wo gibt es Auffälligkeiten? Was ist offen?" Bei großen Mengen (viele Hallen, Dutzende Bänder) macht es die Verhältnisse sichtbar — bewusst neutral, ohne Gut/Schlecht-Urteil.

  • Ranking statt Bewertung; der relative Anteil ist die zentrale Größe.
  • Mehrere Chart-Formate für unterschiedliche Nutzer; horizontale Balken schlagen Torten/Radar auf Distanz.
  • Drill-down über drei Ebenen und ein Vergleichsmodus (aktuell ↔ nächste).
  • Keine Ampel, kein Score — das System zeigt, es urteilt nicht.

Data-Viz-Konzept · als eigenständiger Enterprise-Case herauslösbar.

Ergebnis

Patterns, nicht nur Screens — und im echten Einsatz.

Was entstanden ist

  • Ein angepasstes, distanzskaliertes Komponentenset für beide Oberflächen
  • Ein wiederverwendbares Layout-Pattern „bedienbarer Bereich" (Anzeige oben, interaktives Band unten)
  • Ein Interaktionspattern fürs Handgerät (nur Tippen, übergroße Ziele)
  • Ein In-Place-Overflow-ohne-Wachstum-Pattern
  • Validierte Single-File-Prototypen + Übergabe-Dokumentation für die Entwicklung

Status & Rollout

  • Schon während Entwicklung & Design vor Ort verprobt — echte Umgebung, echte Nutzer
  • Produktiv in zwei Werken im festen Einsatz
  • Greenfield (Neuanlagen) und Brownfield (Bestandswerke) — beide Fälle abgedeckt
  • Übergreifender Rollout an allen Standorten in Umsetzung bzw. Planung

Pilotphase abgeschlossen, Hauptarbeit fertig (~80/20), Rollout-Anpassungen laufen weiter. Keine quantitativen Adoptions-/Fehlerkennzahlen behauptet — [nicht verifiziert] bis Felddaten vorliegen.

Contextual InquiryDesign-Constraints-SpecKomponenten-AdaptionPattern „bedienbarer Bereich"Handgerät-InteraktionspatternInteraktive PrototypenÜbergabe an die Entwicklung
Reflexion

Der Kern war nicht, mehr Information zu zeigen, sondern die richtige: Für den erfahrenen Werker tritt die Routine zurück und die Ausnahme springt hervor; den neuen Mitarbeiter führt derselbe Bildschirm sicher durch den Ablauf. Und rund um den Monitor entscheidet die unsichtbare Arbeit — Parametrierung, Prüfungen, Kontrolle — ob an der Linie überhaupt das Richtige ankommt.